Interview mit Kapitän Radomir Bobokovic
Radomir Bobokovic ist 1. Kapitän der 4****Sup. MS Primadonna und seit vielen Jahren eng mit der Donauschifffahrt verbunden.
Im Interview spricht Radomir Bobokovic über besondere Erlebnisse auf der Donau, die Herausforderungen bei Niederwasser und schwierigen Wetterbedingungen sowie über Winterfahrten und sein Hochsee-Patent. Außerdem erklärt er, warum Erfahrung und genaue Streckenkenntnis in seinem Beruf so wichtig sind.
Steckbrief
Name: Radomir Bobokovic
Geburtsdatum: 19.12.1968
Geburtsort: Kladovo, Serbien
Auf der MS Primadonna seit: 2015
1. Seit wann sind Sie Kapitän der MS Primadonna?
Ich bin seit 2015 1. Kapitän der MS Primadonna. In dieser Zeit habe ich alle Abschnitte der Donau von Passau bis zur Mündung ins Schwarze Meer unter unterschiedlichsten Bedingungen erlebt. Die Verantwortung für Schiff und Gäste, kombiniert mit der Freiheit auf dem Wasser, macht diesen Beruf einzigartig. Jeder Tag bringt neue Eindrücke und Herausforderungen.
2. Gibt es ein Erlebnis, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Auf der unteren Donau, etwa 450 Kilometer oberhalb der Mündung, hatten die rumänischen Behörden die Schifffahrt wegen Niederwasser für elf Tage gesperrt. Als die Sperre für nur zwei Stunden aufgehoben wurde, nutzten wir mit unserem Chef an Bord das kurze Zeitfenster und passierten bei Dunavica als einziges Schiff einen festsitzenden Lastkahn. Alle anderen Kreuzfahrtschiffe mussten sich nach diesem Zeitfenster wieder an die Sperre halten. Für deren Gäste endete die Reise vorzeitig, sie wurden von Bukarest nach Hause geflogen.
3. Welche Situationen bleiben auch nach jahrelanger Erfahrung anspruchsvoll?
Niederwasser, Starkregen und starke Seitenwinde in engen Flussabschnitten verlangen auch nach vielen Jahren höchste Konzentration. Besonders anspruchsvoll wird es, wenn bei starkem Regen das Radar ausfällt. Erfahrung hilft, viele Situationen richtig einzuschätzen, doch Respekt vor den Kräften der Natur gehört immer dazu. Wenn mir eine Lage zu riskant erscheint, gehe ich auf Nummer sicher, ankere und warte, bis sich die Wetterbedingungen wieder verbessern. Die Sicherheit von Gästen und Besatzung hat stets oberste Priorität.
4. Was bedeutet „Niederwasser“?
Niederwasser bedeutet, dass der Wasserstand so weit sinkt, dass die Manövrierfähigkeit eines Schiffes eingeschränkt wird. Für uns Kapitäne heißt das: beobachten, vorausdenken und laufend anpassen. Dabei stütze ich mich auf offizielle Pegelstände, digitale Informationssysteme und vor allem auf meine langjährige Erfahrung. Viele Entwicklungen lassen sich schon Tage im Voraus abschätzen. Gleichzeitig reagieren Flüsse heute deutlich schneller als früher. Durch die zunehmende Versiegelung der Landschaft steigt und fällt der Wasserstand oft innerhalb kürzester Zeit. Heuer haben wir innerhalb von nur 21 Stunden einen Pegelrückgang von 45 Zentimetern erlebt.
5. Hat sich die Situation über die Jahre verändert?
Ja, die Trockenperioden sind häufiger geworden. Moderne Technik unterstützt uns zwar bei der Navigation, doch Erfahrung und genaue Streckenkenntnis bleiben entscheidend. Gelegentlich passieren wir kurze Abschnitte von nur wenigen hundert Metern Länge mit gerade einmal zehn Zentimetern Wasser unter dem Kiel. In solchen Momenten zählen Fingerspitzengefühl und das Gespür für das Schiff mehr als jede technische Anzeige.
6. Hat Niederwasser auch Vorteile?
Manchmal ja. Zum Beispiel kann der Treibstoffverbrauch sinken, weil wir gleichmäßiger fahren und uns weniger Wasser „entgegenkommt“. Außerdem schärft Niederwasser die Aufmerksamkeit der Crew und stärkt das Teamgefühl.
7. Verändert sich das Fahrverhalten der MS Primadonna bei Niederwasser?
Definitiv. Bei wenig Wasser unter dem Kiel reagiert unser Katamaran empfindlicher auf Strömung und Seitenwind. Wir reduzieren die Geschwindigkeit und fahren mit größerem Abstand und mehr Vorsicht.
8. Was möchten Sie Gästen mitgeben, wenn sie von niedrigen Pegelständen hören?
Keine Sorge, bei uns sind Sie in guten Händen. Die Donau ist seit Jahrzehnten unser Zuhause, und die Sicherheit unserer Gäste steht immer an erster Stelle. Dank unserer Erfahrung und sorgfältigen Planung sind wir auf unterschiedliche Situationen bestens vorbereitet. Sollte eine Reise dennoch einmal nicht sicher durchgeführt werden können, sagen wir die Fahrt im Interesse unserer Gäste rechtzeitig ab. Über solche Entscheidungen informieren wir selbstverständlich frühzeitig und transparent.
9. Gibt es eine Jahreszeit, in der Sie die Donau als Kapitän besonders gerne erleben? Warum?
Den Winter. Es ist jedes Mal etwas Besonderes, mit meiner 48-köpfigen Crew vor dem Boarding neuer Gäste gemeinsam einen Früchtepunsch zu trinken. Auch am Ausschiffungstag ein Lagerfeuer an Land zu machen und das Erlebte Revue passieren zu lassen, gehört für mich zu den schönsten Momenten der Saison.
10. Winterkreuzfahrten…
Im Winter navigieren wir überwiegend mit Radar. Dafür verfügt die MS Primadonna über eines der modernsten und leistungsstärksten Radarsysteme am Markt. Damit kann ich sogar Schwäne bereits aus einer Entfernung von 400 bis 500 Metern erkennen. Gleichzeitig hat die kalte Jahreszeit auf der Donau ihren ganz besonderen Reiz: Die mystischen Dezembernebel und die klaren, sonnigen Wintertage sorgen für eine einzigartige Atmosphäre und bieten eine willkommene Abwechslung.
11. Ihr Schiff verfügt mit Sauna, Hydrojet, Indoorpool sowie Kneippbecken mit Donauwasser über eine gute Infrastruktur. Nutzen Sie diese auch?
Ja, durchaus. Wenn die Gäste beim Abendessen sind, nutze ich die ruhigere Zeit manchmal für einen Besuch in der Sauna oder im Pool. Das ist ein guter Ausgleich zum Arbeitsalltag an Bord.
12. Sie haben auch das Hochsee-Patent. Warum fahren Sie auf der Donau? Oder Sie besitzen auch das Hochsee-Patent. Warum haben Sie sich für die Donau entschieden?
Auf den Weltmeeren ist vieles von Zeitdruck und strengen Fahrplänen geprägt. Mir persönlich gefällt die Atmosphäre auf der Donau einfach besser. Unsere Gäste sind im Urlaub, entspannt und voller Vorfreude. Nach wenigen Tagen kennt man viele der rund 160 Passagiere persönlich, kommt ins Gespräch und erlebt die Reise gemeinsam. Genau dieser persönliche Kontakt macht für mich den besonderen Reiz aus. Auf großen Kreuzfahrtschiffen mit mehreren tausend Gästen ist das oft kaum möglich. Hier auf der Donau fühlt sich die Schifffahrt für mich familiärer und herzlicher an.
13. Zu Weihnachten sind Sie dann aber nicht bei Ihrer Familie? Heiligabend mit Unbekannten feiern?
Nein, das ist kein Problem. Ich bin orthodoxer Christ, daher feiere ich Weihnachten nach dem julianischen Kalender. Für mich sind der 5. und 6. Januar die wichtigen Feiertage. Da die MS Primadonna dann bereits in der Winterpause ist, kann ich die wichtigen Feiertage ganz entspannt bei meiner Familie verbringen.
Stimmt oder stimmt nicht: Mythos oder Wahrheit?
a. Ein erfahrener Kapitän kennt jede Gefahrenstelle auswendig.
Wahrheit. Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen. Wer viele Jahre auf der Donau unterwegs ist, kennt die besonderen Herausforderungen der Strecke und weiß genau, worauf zu achten ist.
b. Je weniger Wasser unter dem Schiff ist, desto langsamer muss man fahren.
Stimmt meistens. Sicherheit hat immer Vorrang. Bei niedrigen Wasserständen ist besondere Vorsicht gefragt, weshalb die Geschwindigkeit oft angepasst werden muss.
c. Kapitäne lieben Hochwasser.
Nein. Am liebsten ist uns ein mittlerer Wasserstand. Ideal wären etwa vier bis sechs Meter. Dann sind die Bedingungen für die Schifffahrt am angenehmsten und berechenbarsten.